Der erste Vortrag der Unibrennt Ringvorlesung BildungMACHTGesellschaft wurde von Erich Ribolits (Univ. Prof., Institut für Bildungswissenschaften, Universität Wien) unter dem Titel “Möglichkeiten und Grenzen emanzipatorischer Bildung an den Universitäten” gehalten. Die Videoaufzeichnung findet ihr hier.

Ich möchte noch einmal festhalten, welche Positionen Ribolits in seinem Vortrag, aber auch in seinen beiden Texten,

- Ribolits, Erich (2009): Bildung – Kampfbegriff oder Pathosformel? Vortrag bei der Tagung Bibliothek als kritischer Raum, Renner-Institut, 7. Nov. 2009. Wien.

- Ribolits, Erich (2009): Die Antwort auf unsere behauptete oder tatsächliche Orientierungslosigkeit ist Bildung… In: E. Ribolits. Bildung ohne Wert. Wider die Humankapitalisierung des Menschen. S. 89 – 105. Löcker Verlag

bezieht.

Ausgehend von einer Kapitalismuskritik zeigt Ribolits das Verwertbarkeitsparadigma von Bildung auf. Bildung und Wissenschaft werden als kauf- und verkaufbare Waren argumentiert und behandelt. Für die Hochschule bedeutet das, dass alle Studien, die nicht ökonomisch verwertbar sind, reduziert werden müssen. In den Geistes- und Kulturwissenschaften ist dies schon längst zu spüren. Naturwissenschaften werden, durch ihre engere Verknüpfung zur Industrie und Wirtschaft, stärker gefördert.

Ribolits führt weiter an, dass Bildung “wert-los” gedacht werden muss. Diese Forderung ist erst einmal sehr irritierend, weil jeder der sich bildet (mich eingeschlossen) davon ausgeht, dass es für ihn selbst auch einen Wert hat (etwas bringt). So meint es Ribolits nicht. Ausgehend von den Wertformen Gebrauchswert (persönlicher Nutzen) und Tauschwert (Arbeit gegen Geld), welche den Dingen in marktwirtschaftlich-kapitalistischen Gesellschaften anhaften, beschreibt er das Bildung nur noch als Tauschwert gedacht wird. Mit einem Universitätsabschluss erwarten sich Studierende, dass sie in Zukunft ein höheres Einkommen und Anerkennung erhalten. Sie machen sich somit aber auch zum Untertan des Arbeitsmarktes. “Auch die Gewinner im Kampf um lukrative Bildungsabschlüsse unterliegen der – im Titel des vorliegenden Buches angesprochenen – ‘Armut des Habens’. Auch für sie geht es nicht darum, durch Bildung zum unverstellten Sein zu gelangen; Bildung artikuliert sich auch für sie nur auf der Ebene des ‘Habens’ von Qualifikationen.” (Ribolits, 2009, S. 97ff.).

Ribolits zeigt weiterhin auf, dass der Mensch immer mehr zur Ware und als Humanressource oder Humankapital gedacht wird. Die Humanressource kann damit als das „noch nicht für die Verwertung zugerichtete Humanmaterial“ (Zitat Ribolits Vortrag). Humankapital ist dann der jeweils Arbeitsfähige mit seinen verkörpertern Fähigkeiten und Fertigkeiten. Bildung wird nicht mehr als Menschenrecht argumentiert, denn sie unterliegt der Verwertungslogik der Marktwirtschaft. Hierbei geht Ribolits bis auf Marx/Engels und deren Manifest der kommunistischen Partei 1848 zurück und zitiert: “Im Kapitalismus bleibt schlussendlich kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch als das nackte Interesse, die gefühllose bare Zahlung – die persönliche Würde löst sich im Tauschwert völlig auf.”

Bildung wird so nicht mehr als Menschenrecht verstanden, sondern etwas in das man investieren muss, sei es Zeit oder Geld. Bildung als Menschenrecht ist jedoch die Möglichkeit sich zu bilden, möglichst lange das eigene Denken zu trainieren, unabhängig vom politisch-ökonomischen System.

Dem eigentlichen Ziel von Bildung – die Emanzipation des Menschen zu einem selbstbewussten und mündigen Bürger – kann somit keine Rechnung getragen werden. Wahre Bildung muss sich außerhalb der Verwertungslogik befinden (→ keinen Tauschwert besitzen), eben wert-los sein. Nur wenn Bildung als wert-los gedacht wird, kann sie ein Instrument zum Hinterfragen der Verwertungsgesellschaft sein. Wenn man Bildung unter dieser emanzipatorischen Zielsetzung versteht, darf  Bildung für Alle “nicht über das Versprechen des Aufstiegs oder der erhöhten Arbeitsplatzsicherheit” gefordert werden. Ribolits betont immer wieder das freie Denken und nennt als die zwei wichtigsten Voraussetzungen dafür Zeit und den “herrschaftsfreien Dialog” (2009, S.6). Zeit dürfe aber nicht der Zeitökonomie des Kapitalismus unterliegen, “damit sich Lernende - in dem ihnen jeweils eignen Tempo - mit Lerninhalten auseinandersetzen … können”. Hier darf ich kurz einfügen, dass insbesondere mit Beginn der Arbeitsoptimierung durch Frederick W. Taylor, versucht wurde Arbeitsprozesse zeitlich einzugrenzen, in weiterer Folge der Ökonomisierung von Bildung auch die Lernprozesse. Wer nicht schnell genug ist, den bestraft das System, egal ob in der Schule, in der Arbeit oder Universität. Für meinen Studiengang der Erziehungswissenschaften darf ich das Ganze zugespitzt formulieren: “Wir lernen auswendig, dass auswendig lernen schlecht ist” (gemeint ist das Trichtermodell). An vielen Universitäten wird Wissen nach wie vor nach dem Trichtermodell abgeprüft.

Dennoch: Bildung ist anarchisch. Und damit mein Ribolits, dass sich durch Bildung nicht vorherbestimmen lässt, welchen Weg ein Mensch nachher einschlägt. Besonders die Auseinandersetzung mit kritischen Inhalten ist noch lange kein Zeugnis dafür, dass er/sie nachher Geisteswissenschaftler wird. Aber es dient dem Ziel mündig zu werden und (Macht-) Strukturen in der Gesellschaft zu hinterfragen, was meiner Ansicht nach heute viel zu wenig Menschen tun. Sir Simon Rattle hat einmal im Film “Rhythm is it” gesagt: “we don’t only need good workers – these times are over.”