Mensch – Computer – Mensch.
Ich habe vor einiger Zeit eine Rezension zu Schirrmachers “Payback” geschrieben und auf payback.posterous.com veröffentlicht. Ich möchte sie hier zur Vervollständigung meines Blogs auch noch posten und freue mich auf eine kontroverse Diskussion eines durchaus sehr streitbaren Buches.
Schirrmacher stellt meiner Ansicht nach wichtige Fragen unserer Zeit, nicht ohne Grund lesen dieses Buch sehr viele Menschen. Die Fragen die Schirrmacher stellt, halte ich für sinnvoll. Insofern kann ich den Aufruhr und die Kritik so mancher Schreiberlinge – die es noch nicht einmal gelesen haben, den “Tweed” aber so schön peinlich fanden – nicht nachvollziehen.
Die Argumentationsweise zur Untermauerung seiner These, Multitasking sei Körperverletzung ist schlüssig, wenn auch etwas einseitig. Am Ende heißt die Alternative “Perspektivenwechsel”, den wiederum bräuchten wir aber auch in ganz anderen Bereichen.
Ob wir durch Multitasking langsamer oder schneller werden, muss letztlich jeder für sich entscheiden und herausfinden. Bei wem der Kopf nicht mehr mitkommt, darf doch gerne die Kanäle abdrehen. Ob es sich genauso verhält wie damals mit dem Buchdruck und der gefürchteten Überforderung können wir nicht mehr nachweisen, zumindest keine Langzeitstudien durchführen. Es gibt ebenfalls Studien, die zeigen, dass Multitasking unser Gehirn besser trainiert und vielleicht brauchen wir dieses Training für die Zukunft. Möglicherweise wird Multitasking durch die Zeitökonomie des Kapitalismus in die Ecke gedrängt. Schirrmacher nennt diesbezüglich den Taylorismus, zurückgehend auf Frederick W. Taylor, der Arbeit nach Effizienz optimiert hat und weiter der “digitale Taylorismus” zurückgehend auf Maggie Jackson, der Leben, Zeit, Gedanken zerstückelt (Schirrmacher, S. 49).
Die Computer – Mensch – Diskussion habe ich als sehr bereichernd empfunden und halte sie für weitere Diskussionen zur “Digitalen Selbstbestimmung” auch als grundlegend. Wenn einige tatsächlich glauben, dass wir erst durch Computer und deren Algorithmen den Menschen richtig verstehen lernen, ist das ein erschreckendes Szenario. Anthropologisch betrachtet kompletter Schwachsinn. Aber indem wir “immer mehr so sein wollen wie Computer”, verlernen wir vielleicht auch den Wert zwischenmenschlicher Beziehungen zu schätzen – die eigentlichen Aufklärer des Menschen.
Nebenbei erklärt Schirrmacher die Algorithmen unseres täglichen Lebens, so dass hoffentlich bei dem einen oder anderen Leser das Interesse zur Auseinandersetzung mit Datenschutz und Vorratsdatenspeicherung gesteigert wird.
Ebenfalls gelungen ist die abwechselnde Bezugnahme zu 1984 und Schöne, neue Welt. Er zeigt auf, dass wir (völlig) selbstbestimmt und freiwillig unser Tun und Handeln ins Internet verlagern und somit auch zur Datensammlung beitragen. Der Vorwurf 1984 ist dem Internet nicht zu machen, wenn keine Systemkritik erfolgt. Dennoch wird uns damit auch klar, wie subtil Social Networking passiert und dass es natürlich autoritäre “Kontrollorgane” gibt, die wir aber so nicht wahrnehmen
und hinterfragen.
Insgesamt nehme ich Schirrmacher nicht ab, dass er die Sozialen Netzwerke so “bewohnt” wie ich. Auch wenn er vielleicht ein Synonym verwendet, um sich anzuschauen wie Facebook, Twitter und Co funktionieren, kann er damit nicht die Erfahrungen sammeln, die ich gemacht habe. So lässt sich vielleicht auch seine sehr kritische Sicht erklären.
In Paypack werden sehr viele Themen andiskutiert, sehr viele Argumente aufgefächert. Ich bin mir nicht sicher, ob das hin und wieder zu Irritationen beim Leser führt. Letztlich bin ich Schirrmacher dankbar, dass er nicht wie die große Mehrheit das Internet als Allheilmittel des 21. Jahrhunderts glorifiziert, sondern sich kritisch damit auseinandersetzt. Noch spannender fände ich es jedoch, wenn das die “Eingeborenen des Netzes” tun würden.
So bleibt mir noch ein Zitat von Hentig (1995) an meine Rezension anzufügen: “Die Antwort auf unsere behauptete oder tatsächliche Orientierungslosigkeit ist Bildung…”
Moin,
mein Problem mit dem Buch ist die offensichtlich fehlende Selbstreflexion der eigenen Methodik. So stellt Schirrmacher z.B. die Vorteile des Lesen eines Buches im Vergleich zum googeln heraus. Das tolle am Lesen ist – so seine These – dass es linearität schafft, dass kann suchen im Internet nicht. Bücher sind also besser… Grausame Thesen, weil hier nicht Äpfel mit Birnen verglichen werden (beide machen satt), sondern Elemente die weit mehr auseinander liegen. Der richtige Vergleich zum Googeln wäre die Suche nach einem Buch in der Bibliothek und nicht das lesen.. denn das läuft auch am Bildschirm recht linear ab…
Diese fehlende Selbstreflexion zeigt sich auch an anderen Stellen. So kritisiert Schirrmacher gerne, die Tatsache, dass wir uns gerne maschineller Logik unterwerfen, bezieht sich aber in starken Maß auf die Neuropsychologie, die wie keine andere Wissenschaft von maschinell-gesteuerten computerisierten Bildgebungsverfahren abhängt und fast nur aus Statistik und Korrelation besteht – folglich: die mathematischte, maschinellste Wissenschaft ist.
Weitere Schwächen sind, dass Schirrmacher in meinen Augen (1) weder verstanden hat, dass das Inet keiner massenmedialen Logik folgt,
(2) im klassischen Sinn von “wichtigen und unwichtigen” Informationen spricht, und wichtig und unwichtig dabei universelle Konstanten definiert. Die Idee, dass ich die Entscheidung ob etwas wichtig oder unwichtig ist eine individueller sein könnte, kommt ihm nicht (mein Mailfilter bei Outlook funktioniert nebenbei wunderbar und wichtige Mails werden seitdem ich vorsortieren lasse, schneller beantwortet
(3) Keinen Schimmer von Technikphilosophie hat. Jeder Einführungsband wird ihm zeigen, dass Menschlichkeit schon immer vom technischen Millieu mitbestimmt war (wie stark, darüber wird gestritten, aber das dem so ist, ist eigentlich klar. Ob man sich auf Foucault, Latour, Debray oder wen auch immer Bezieht.. aber solche Leute kennt die FAZ wohl nicht… sind ja die bösen Linken – ok, das war polemisch).
Schirrmacher spricht Themen an, die von höchster Brisanz sind. (Komischerweise sind die prägenden Ideologien des WWW, die er nennt, auch die, die den Film Metropolis definieren). Jedoch ist alles gestreift und eine ordentliche Diskussion fehlt. Populäres Buch, dessen wissenschaftliche Verwertbarkeit ich stark bezweifle.
Der Bezug auf Hartmut v. Hentig ist nebenbei deinerseits nicht so günstig, hat ebendieser “Bildungstheoretiker” doch gefordert, den PC aus der Schule zu verbannen und diese als letzte Bastion wirklicher Erfahrung zu behalten.
Ich gebe dir Recht: Bildung ist der Schlüssel. Aber nicht die, die Henting meint (da sie letztlich nur ein Kompetenzmodell ist).
LG
Wolfgang