re:publica 2010: Klassenfahrt mit Höhen und Tiefen

Gepostet von am April 19, 2010 in andere medien, bloggersphere, Slider, unterwegs, Veranstaltungen, web 2.0 | 1 Kommentar

Eigentlich wollte ich diesen Post schon nach dem ersten Tag der re:publica veröffentlichen, habe es aber nicht geschafft, hätte es aber tun sollen, denn am 2. und 3. Tag habe ich kaum noch etwas von der re:publica mitbekommen. Das ist Berlin, den Menschen, scharchenden Hostelmates und dem daraus resultierenden Pausenbedürfnis zu schulden. Ich nenne es eine Klassenfahrt mit Höhen und Tiefen. Höhen, weil erstklassige Vorträge, gute Stimmung, nette Leute, Tiefen, weil zweitklassige Vorträge, überfüllte Kalkscheune, Wlan-Probleme und manchmal auch komische Leute. So ist eben eine Klassenfahrt.

Peter Glasers Keynote setzte mit seiner kritischen Analyse der digitalen Faszination meiner Ansicht nach einen Schwerpunkt für die re:publica 2010 und fordert eine Brückentechnologie, welche “nicht nur die Early Adopters und die technologisch Versierten ansprechen, sondern auch den Rest der Menschheit. Wobei dieser Rest nicht wirklich ein Rest ist. Es sind etwa 90 Prozent der Bewohner dieses Planeten.” Ein Appell an die Netzaktivisten, der sicherlich bis zur nächsten rp11 diskutiert werden wird.

Jeff Jarvis postuliert mit seinem “privacy, publicness and penises-These”  den Kontrollwahn der Deutschen, was für ihn völlig unverständlich ist, wo sich doch nahezu jeder in der Sauna komplett nackt macht. So einfach ist das ja aber nicht. “get nacked in web” bedeutet auch, angreifbar zu sein und FKK schlicht und einfach nur zu schwitzen und übers Wetter zu reden. Im Endeffekt ist die privacy-Diskussion immer eine Grundsatzfrage über das Recht des einzelnen, SEINE Daten selbst zu verwalten und es wäre töricht, darüber nicht zu sprechen, das nennen wir Netzneutralität. Sein Einstehen für die “publicness”, begründet durch das Aufzeigen möglicher Konsequenzen bei der „the audience formerly known as the audience becomes audience again“, halte ich dennoch für ein richtiges Argument. Er hat Recht, wenn er sagt, das Internet sei unser Raum, unsere Öffentlichkeit, die wir für uns nutzen und selbst gestalten sollen. Für Jarvis hat eben alles im Internet einen Wert, wenn es für jemanden anderen relevant ist, wie er mit seinem selbstoffenbarendem Blogpost über Prostatakrebs (322 Kommentare) argumentiert. Ein wenig hinkt das Beispiel, denn er hat seinen Blog auch nicht mit solch einem Post gestartet. Er erzeugt eben auch Resonanz, weil er – Jeff Jarvis – es schreibt. Und natürlich wird er dann sofort als Vorbild verstanden, es offenbaren sich glatt weitere Männer, die Prostatakrebs haben oder hatten, berichten von ihren Erfahrungen usw.. Es menschelte also auf der buzzmashine und eigentlich wäre das der Moment gewesen, wo Jarvis hätte zugeben können, dass er an dieser Stelle als Aufklärer fungiert hat und die Leute im Saal ansprechen, die sich ihrem Potenzial/ihrer Verantwortung bewusst sein sollten, macht er aber nicht.

Stichwort Resonanz: Und dann kam Kruse (Mitschnitt Vortrag). So wie er Aufschaukelungs- und Abschaukelungsprozesse im social web beschreibt, ging ein ebenso großes Rauschen durchs Publikum. Wütend und verärgert sei er, wenn er mitbekommt, wie sich Experten über die Thematik Internet unterhalten (was er ja neulich auch gemacht hat, aber wurscht). Diese Energie hat er zum Anlass gemacht, eine neue Studie vorzustellen und kommt nach den digital inhabitants und digital immigrants nun zu den “digital visitors” und “digital residents”, die sich in ihren Wertemustern komplementär zu einander verhalten. Seinem Fazit “Wenn Sie sich über Netze unterhalten, dann unterhalten Sie sich mit Netzen” widerspricht er in seinem Schlussatz “Überzeugungsarbeit ist nicht notwendig”, da die Lawine ja bereits zu Tal donnert, ein wenig. Wenn nicht die Experten miteinander diskutieren sollen (absolut korrekt), dann müssen es die user – egal ob visitor oder resident – tun, auch um die Brücken zu schaffen, die Glaser gefordert hat. Wenn auf die Frage, ob die Nutzung des Internet eine Glaubensfrage sei, geantwortet wird: “Das Internet zu nutzen oder nicht zu nutzen ist keine Glaubensfrage, sondern eine Frage sinnvoller Zukunftsorientierung und praktischer Vernunft”, dann muss zwangsläufig über den Sinn diskutiert werden. Ich glaube daran, dass diese divergierenden Gruppen, sich in ihren Wertevorstellungen und Vermutungen gegenseitig bereichern können, auch wenn es wahnsinnig anstrengend ist. Vielleicht sollte es keine Überzeugungsarbeit sein, aber wenigstens ein Austausch.

Und zum Abschluss hat Sascha Lobo seine shitstorm-Theorie zum Besten gegeben. Selbstironisch präsentiert er seine eigenen erlebten shitstorms, d.h. Beleidigungen, Beschimpfungen und “Anfeindungen” (er würde das niemals so nennen) und gibt zu, dass es ihm in der Vergangenheit selbst schwer gefallen ist, sich an seine eigens vorschlagene Souveränitätsregel zum Überleben eines shitstorms zu halten. Dass shitstorms immer auch eine berechtigte Kritik enthalten, meint Lobo. Dennoch halte ich nichts davon, wenn sich die Twitteria – ach nein Trolle sind das ja – gegenseitig wie 14jährige bekoffern. Wenn das Internet kein Medium ist, sondern als Kulturraum verstanden werden soll, dann gelten da auch die Regeln des menschlichen Miteinanders. Realisitischerweise wird es nur ein paar wenige Menschen geben, die so wie Sascha Lobo reagieren und das auch nur, wenn sie einen gewissen Abstand zu ihrer Rolle in Twitter gewinnen. An dieser Stelle können wir uns jegliche Authentizität sparen. Unternehmern den Rat zu geben, einerseits echt zu sein, anderseits so zu tun, als sei ihnen die Kritik “scheißegal”, ist eine Anleitung zur Schizophrenie. Letztlich wird sich der Großteil reaktiv verhalten, wenn sie mit Argumenten wie “heul doch” konfrontiert werden und nein, man wird nicht abstrahieren können, dass sich daraus die eigentliche Antikritik entwickeln könnte. Wer gegen shitstorms gewappnet sein will, sollte Twitter als Rollenspiel verstehen, als Rollenspiel für den Umgang mit Killerphrasen.

Am letzten Tag ist mir nur noch Felix Schwenzels Vortrag “Warum das Internet scheiße ist” im Kopf hängengeblieben. Die schlichte Forderung darüber nachzudenken, ob wir nicht alle zu neoliberal in Sachen Netz denken und es sinnvoll wäre, über eine staatliche Regulierung zu diskutieren, folgt nach einer Karikatur beispielhaften, nervigen Internetverhaltens. Problem #1 “Leute die nerven, nerven.” Und dann nerven da noch Talkshows übers Internet, Blogger, Twitterer die #fail benutzen; Leute, die in unser Internet schreiben; Leute die “der Blog” sagen und die, die sagen, dass “der Blog” falsch ist, nerven genauso usw. Die modifizierten Twitterportraits fand ich wunderschön.
Ach ja, für die visitors wäre dann der Beitrag von der FAZ zu empfehlen und für die residents eignet sich Herrn Knüwers Nachlese – und umgekehrt

Weitere BloggerInnen berichteten folgendermaßen:

Mike Schnoor, 15.04.2010 re:publica 2010 – Medienmomente und Kongresskultur

@stijlroyal, @kcpr 16.04.2010 Warum Blog nicht das Medium der Zukunft sein können. Die re:publica 2010.

Patrick Breitenbach, sehr gute Replik zu Kruse: Das Internet und der Kampf der kulturellen Wertewelten

@raventhird, 18.04.2010 re:publica 2010: „Kreisbewegungen, oder?“

Mathias Richel, 18.04.2010 Ein bisschen meiner re:publica zum nachlesen und schauen. (Ohne Bier, feiern, lachen und euch.)

Hannes Mehring. 19.04.2010 ein überfülltes, erwachsen gewordenes Klassentreffen

evangelisch.de, 19.04.2010 Blogger erfolgreich in die Gesellschaft integriert

Carolin Neumann, 19.04.2010 Das war die #rp10

heise.de, 19.04.2010 re:publica: Die Karawane lacht, die Hunde bellen weiter

Tim Krischak, 22.04.2010 re:publica 2010 – Studienreise und Klassenfahrt re:loaded

wasmitmedien, mp3 Folge 209 zu re:publica

Weitere Papiermedien berichteten folgendermaßen:

STERN, 15.04.2010 Kirchentag für die Klassengemeinde

SPIEGEL, 15.04.2010 Die Netzgemeinde zersplittert

ZEIT, 15.04.2010 Macht euch nackig! (über Jeff Jarvis’ Vortrag)

Taz, 16.04.2010 Bloggertreffen re:publica – Nicht nur für Nerds

3SAT.online, 16.o4.2010 Die digitale Gesellschaft

diestandard.at, 18.04.2010 “Lauter Perverse und keine Frauen im Netz”

FAZ, 19.04.2010 Wer ist hier aus der Zeit gefallen?

Bewegtbild

sehr zu empfehlen sind die dctp.tv Interviews zur re:publica

1 Kommentar

  1. Korinthenkackesquerweise müsste der Autor bei dem verlinkten Beitrag über die angeblich nicht vorhandene Zukunft von Blogs, Kacper Potega oder @kcpr heißen. Er ist zwar auf dem Stijroyal-Blogroyal gepostet, doch der Autor ist @kcpr, während @stijlroyal ja ich bin und ich habe zur re:publica Nr. 10 u.a. dies geschrieben (falls das jetzt noch jemanden interessiert): http://www.stijlroyal.de/blogroyal/huckbook/republica-2010-tag-nr–1
    Guten Tag.

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  2. dagger.twoday.net - re:publica 2010 – Tag 2 #rp10... Und weiter geht es nach einer entspannten Nacht. Der Mittelteil der re:publica stand an und ...
  3. Der Blog-Spiegel zur re:publica 2010 – re:publica 2010 - [...] Grabs 19. April 2010 - 15: 08 Uhr   Hallo, habe in meinem Blogpost zur #rp10 http://blog.annegrabs.de/2010/04/19/republica2010/ einige Blogbeiträge ...
  4. Kommunikation – zweinull » re:publica 2010 – Studienreise und Klassenfahrt re:loaded - [...] und Social Media. Die Veranstaltung fand zum vierten mal statt und wird von einigen als die Klassenfahrt der deutschsprachigen ...

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