Das Leben meines Computers
Der Dokumentarfilm BEHIND THE SCREEN: Das Leben meines Computers zeigt den globalisierten Produktlebenszyklus von der Rohstoffgewinnung in Afrika (Ghana), über die Fertigung in Osteuropa, über den Absatz in industrialisierten Ländern (also bei uns) bis zur Verschrottung in Afrika (Ghana) und damit schließt sich der Kreis in grotesker Absurdität. 2007 war ich selbst in Ghana und erinnere mich neben den freundlichen Menschen besonders gern an die Landschaft (z.B. Ada Foah, wo der Voltasee auf den Ozean trifft).
Doch solche Orte zeigt der Film nicht, sondern die Kamera hält schonungslos auf die Elektromüllhalden in Agbogbloshie (Ghana), wo Kinder und Jugendliche täglich Müll verbrennen und giftige Gase einatmen. Die Lebenserwartung der Menschen dort liegt bei etwa 20 Jahren. Aber nicht nur in Afrika nimmt dieser Kreislauf unmenschliche Ausmaße an. Ein ehemaliger Mitarbeiter von Foxconn (Tschechische Republik) berichtet, wie das Unternehmen seine MitarbeiterInnen ausbeutet. Der Film rüttelt vor allem diejenigen auf, deren Arbeitsgrundlage Laptops und Smartphones sind, wie es auch in meiner Branche der Fall ist. Auch dieser Blogbeitrag, den ich an meinem MacBook Pro schreibe, reiht sich in dieses System ein. Insofern hat es mich gefreut, dass der Film von Menschen gemacht wurde, die ebenfalls täglich mit Computern arbeiten. Sandra Heberling (Produktion), Simon Fraissler (Kamera und Schnitt) und Stefan Baumgartner (Regie) haben BEHIND THE SCREEN im Rahmen ihres Studiums an der FH Salzburg (MultiMediaArt) entwickelt. Ich hatte die Möglichkeit, mit Simon und Stefan über die Idee zu dem Films und seine Umsetzung zu sprechen.
Wie seid ihr auf die Idee gekommen, eine Dokumenation über das Leben eines Computers zu machen?
Stefan: In den letzten Jahren konnte ich u.a. gemeinsam mit Kameramann Simon mehrere kurze Reportage- und Doku-Projekte umsetzen. Im Rahmen des Masterstudiengangs MMA an der FH Salzburg wollten wir nun unseren ersten Feature-Length Dokumentarfilm gestalten. Des Öfteren unterhielt ich mich mit Simon über die hohe Produkt-Launch-Frequenz im Elektroniksektor (bei der in immer kürzerer Zeit immer mehr Elektronikprodukte auf den Markt gebracht werden, Anmerkung) und über die damit einhergehende Bewerbung dieser revolutionären Produkte. Es war uns wichtig, die Strukturen unseres dezentralisierten Wirtschaftssystems anhand real beteiligter Personen darzustellen, die im Image der Markenfirmen nicht zu finden sind.
Der Film hat für Computerliebhaber einen ziemlich bitteren Beigeschmack. Wie geht ihr damit um?
Stefan: Der Computer ist wohl das wichtigste Werkzeug in den postindustrialisierten Breiten. Gerade in der Medienbranche ist er derzeit nicht wegzudenken. So wurde auch BEHIND THE SCREEN unter dem Einsatz enormer Rechenleistung produziert. Das Ziel des Films ist es aber nicht eine Debatte über die Notwendigkeit von Technologie zu provozieren. Wenn BEHIND THE SCREEN dazu anregt über die Herkunft und Zukunft der Produkte nachzudenken, die wir besitzen (ob Kleidung, Fortbewegungsmittel oder elektronische Gadgets), freue ich mich umso mehr.
Simon: Ich denke, dass sich in der heutigen Zeit niemand der Nutzung elektronischer Geräte entziehen kann – vor allem nicht Menschen im Medienbereich. Ich glaube aber, dass man sein eigenes Konsumverhalten anpassen und auf ein Minimum reduzieren kann, indem man nicht nur Trends, sondern seinen tatsächlichen Bedürfnissen nachgeht.
Wie waren die Dreharbeiten vor Ort in Ghana und der Tschechischen Republik?
Stefan: Wir konnten in Ghana sowie in der Tschechischen Republik auf verlässliche Guides, Übersetzer und Aktivisten zählen. In Afrika ermöglichte uns Mike Anane den Einblick in die Arbeit der illegalen Goldschürfer in der Western Region sowie die Dreharbeiten auf den Elektromüllhalden in Agbogbloshie (Spiegel berichtete 2008) über. Gerne hätten wir auch mit offiziellen Vertretern von Foxconn gesprochen. Unsere zahllosen Anfragen blieben aber unbeantwortet. Auch als wir das Unternehmen mit der Kamera konfrontierten waren wir nicht willkommen. Bei dem Material der Fertigungsarbeiten handelt es sich um Archiv-Footage.
Simon: Ich denke, dass wir in Ghana ohne unserem Guide nur wenige Bilder gemacht hätten. Einerseits kannte er schon viele der Drehlocations, andererseits übernahm er anfänglich meist die Kommunikation mit den Protagonistinnen. Ghanaer sind wesentlich medienunerfahrener als wir Europäer, viele von ihnen haben großen Respekt vor Kameras. Da war es wichtig, dass unser Guide ihnen zu Beginn erklärte, was für einen Film wir machten. Das größte Problem bei den Auslandsdrehs war wohl die Sprachbarriere. Während wir uns in Ghana oft auf Englisch verständigen konnten, brauchten wir in Tschechien immer eine Übersetzerin, die uns die Antworten der Bulgarischen, Slowakischen, Mongolischen oder Tschechischen Protagonisten Übersetzten konnte.
Der Film ist mitunter sehr desillusionierend, zeigt er doch, welche Konsequenzen der IT-Konsum hat. Man fühlt sich mitunter auch ohnmächtig diesem Treiben ausgesetzt. Was kann man also persönlich tun, damit dieser Kreislauf unterbrochen wird?
Stefan: Der Ansatz von BEHIND THE SCREEN beinhaltet keinen Anspruch auf eine Alternative oder gar die Lösung aller thematisierten Probleme. Vielmehr soll bei den RezipientInnen ein Refelxionsprozess in Gang gesetzt werden, der zu individuellen Handlungen führt; von gesteigertem Interesse am weltpolitischen Geschehen bis hin zu zivilgesellschaftlichem Aktivismus. Konkret wäre es aber sehr wünschenswert, wenn staatliche Institutionen beim Einkauf und der Verwertung auf fair gehandelte Ware drängen würden und die Basler Konvention zu Elektronikmüll tatsächlich umsetzen würden. Das bedarf aber den oben angesprochenen individuellen Handlungen, um Druck auf die Politik auszuüben.
Wie geht es mit BEHIND THE SCREEN weiter? Wo können Interessierte den Film sehen?
Stefan: Momentan reichen wir den Film bei verschiedensten Filmfestivals ein. Auch Gespräche mit interessierten Fernsehstationen werden bereits geführt. Wie die Distribution aber im Detail aussieht ist derzeit noch nicht klar. Es steht aber fest, dass BEHIND THE SCREEN bald auf blu-Ray Disc erhältlich sein wird.
Simon: Wir werden weiterhin daran arbeiten, das Ziel des Projekts – nämlich den Film an ein möglichst breite Öffentlichkeit zu tragen – zu verfolgen. Denn der von Stefan zuvor angesprochene Reflexionsprozess der KonsumentInnen steht für uns weit über einem kommerziellen Erfolg des Films.
Trailer BEHIND THE SCREEN
Behind BEHIND THE SCREEN
Sandra Heberling
Die Grazerin haben Medien schon immer fasziniert. Bereits in jungen Jahren gewann sie erste Einblicke in die Medienbranche und konnte ihr Interessen im Studiengang „Digitales Fernsehen“ umsetzten. Nach einem Auslands- und Praktikumsaufenthalt in Berlin und bei MTV Germany beschloss sie, dass sie sich im Bereich Produktion bzw Management vertiefen will und entschied sich für ein weiterführendes MultiMediaArt Masterstudium an der Fh Salzburg mit dem Schwerpunkt „Steuerung“.
Stefan Baumgartner
Nach 5jähriger Tätigkeit in der Finanzwirtschaft entschied sich der gebürtige Salzburger für den zweiten Bildungsweg im Medienbereich. Das Studium “Digitales Fernsehen” an der FH Salzburg nutzte er, um sich im Bereich der Fernsehproduktion sowie in den Bereichen Reportage und Dokumentation zu vertiefen. Dabei entstand die Dokumentation “Stand.Punkt – Eindruck vom Gegendruck” sowie einige Reportagen im Kulturbereich. 2011 feierte Stefans Regie-Debut “BEHIND THE SCREEN – Das Leben meines Computers” seine Premiere.
Simon Fraissler
Den in Graz Geborenen hat es nach Matura und einem Auslandsaufenthalt in Barcelona zum Studium nach Salzburg gezogen. Im Studiengang Digitales Fernsehen hat er seinen Focus auf die Produktion dokumentarischer Inhalte gerichtet und einige Projekte zusammen mit Stefan Baumgartner verwirklicht. In seinem weiterführenden Studium Multimedia Art konnte er seine Kooperation mit Stefan Baumgartner fortsetzen, deren Höhepunkt der Film “Behind the Screen – Das Leben meines Computers” war.






